7.März 2005, Neues Museum Schloss Salem
Das Christentum - eine mystische Religion?
Prof. Dr. theol. Dr. phil. Dr. h. c. Eugen Biser
Nach dem bekannten Wort von Karl Rahner wird der Christ der Zukunft ein Mystiker oder überhaupt nicht sein. Aber ist das Christentum eine mystische Religion? In seinem gegenwärtigen Erscheinungsbild spricht wenig, in seinem Ursprung alles dafür. So verdankt Paulus seine erstaunliche Lebensleistung vor allem der Tatsache, dass sich zwischen ihm und Christus ein Herzenstausch vollzog. Und er bemisst den Rang und Stand seiner Gemeinden an der Frage:" Erseht ihr denn an euch nicht, dass Christus in euch wohnt?" Diese Frage richtet er gerade auch an die heutige Christenheit

1. März 2004 Neues Museum in Schloss Salem
Angstüberwindung und Friedensfähigkeit des Menschen.
Prof. Dr. theol. Dr. phil. Dr. h. c. Eugen Biser,
Die Friedensfähigkeit *)
Doch ist der Mensch, der so rasch zu Hass, Rache und Gewalt neigt, überhaupt friedensfähig? Wenn die zerstörten Häuser und verwüsteten Städte, wie oft behauptet wird, ein Spiegelbild seiner Seele sind, ist das sehr zu bezweifeln. Für seine Friedensunfähigkeit sprechen viele Gründe. Ihr tiefster aber ist, wie sich gerade in diesem Zeitalter der grassierenden Ängste zeigt, die Angst. Denn die Angst lähmt und vereinsamt, so dass der von ihr Befallene den Kontakt zur Mitwelt verliert und sprach- und hilflos wird. In die Enge getrieben und in seinem Existenzrecht bedroht, wird der Geängstigte aber unberechenbar und aggressiv. Deshalb müsste die Angst überwunden werden, wenn der Mensch zum Frieden bewogen und befähigt werden soll. Dies aber gerade will das aus seiner Mitte begriffene Christentum.

So sehr die Kirchen ihre Ziele mit Hilfe einer Angstpädagogik zu erreichen und die Menschen durch die Suggestion von Gewissens- und Höllenängsten zur Akzeptanz ihrer Direktiven zu bewegen suchten, ist das Christentum doch von seinem Ursprung her die Religion der Angstüberwindung. Deshalb lautet das erste bis in die Weihnachtsbotschaft zurückstrahlende Wort des Auferstandenen: "Fürchtet euch nicht!" Was das heißt, erläutert der Johanneische Satz: "Furcht ist nicht in der Liebe: vielmehr treibt die vollkommene Liebe die Furcht aus."

Wenn der Glaube auch nicht jede Form der sich zusehends vervielfachenden Ängste beseitigt, so doch die drei Wurzelängste: die Angst vor Gott, die Angst vor dem Mitmenschen und die Angst des Menschen vor sich selbst. Die Befürchtung, mit Gott den tragenden Halt des Daseins zu verlieren durch die Botschaft von dem bedingungslos liebenden Gott; die Angst vor dem Mitmenschen durch das Gebot der Nächstenliebe, und die Existenzangst durch die Berufung des Menschen zur Gotteskindschaft. Daran knüpft die letzte der drei Seligpreisungen an: "Selig die Friedensstifter; sie werden Kinder Gottes heißen!" Wer sich zum Rang der Gotteskindschaft erhoben fühlt, weiß sich zum Frieden befähigt und verpflichtet. Der mit der "Gnadenkrone der Gotteskindschaft" gekrönte Mensch ist, wie schon der Kappadokier GREGOR VON NYSSIA versicherte, der wahrhaft zum Friedenswerk Befähigte.
Eugen Biser
*) aus: ausblicke Heft 14, Dokumentationsschrift des Zentrums Seniorenstudium der Ludwig-Maximilian-Universität München S. 3f


Prof. Dr. theol. Dr. phil. Dr. h. c. Eugen Biser,
Jahrgang 1918, durch den Krieg unterbrochenes Theologiestudium, langjährige Seelsorgetätigkeit. 1956 theologische, 1961 philosophische Promotion. Lehrtätigkeit ab 1965 in Passau, Marburg, Bochum, Würzburg und München. Seit 1987 Direktor des dortigen Seniorenstudiums und Dekan der Klasse VII der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Kunst. Träger verschiedener Preise und Auszeichnungen u.a. des Guardini- und Peter Wust-Preises. Ehrendoktor der Universität Graz. Verfasser von über 100 Büchern und zahlreichen Beiträgen.

Begleitende Literatur, Unterlagen
Eugen Biser im Gespräch mit Richard Heinzmann: Das christliche Menschenbild, Neue Spiritualität, Theologie der Zukunft; 3 VHS Kassetten TR-Verlagsunion, München

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