7. November 2005, Neues Museum Schloss Salem
Naturwissenschaft und Mystik - Über die Beziehung von Wissen und Glaube
Prof. Dr. Dr.h.c. Hans-Peter Dürr,
Die moderne holistische Physik hat aufgezeigt, dass Materie letztlich nicht aus Materie aufgebaut ist. Unsere Wirklichkeit basiert nicht auf einem durch Wechselwirkung aufeinander bezogen Urstoff, sondern primär auf immateriellen Beziehungen, reiner "Gestalt", Potentialität, aus deren Relationen erst sekundär Stoff als uns geläufiges "reales" Phänomen resultiert. Dies eröffnet die Möglichkeit, die belebte wie unbelebte Natur auf das gleiche immaterielle Beziehungsgefüge zurückzuführen. Wirklichkeit als Potentialität erlaubt einen neuartigen Zugang zur "Transzendenz", gewissermaßen als "geistigen" Hintergrund, der von uns "erahnt" oder "mystisch" erlebt werden kann, aber jenseits des wissenschaftlich Wißbaren liegt. Seele und Gehirn entsprechen verschiedenen Realisatoren der Potentialität, ähnlich wie etwa ein Graphikmonitor und Drucker, die einen verborgenen Computer-Output in ein sinnlich wahrnehmbares Farbbild oder einen rational fassbaren Text verwandeln.

Schlussbemerkung
Das Weltmodell ein Wollknäuel, dass ich immer mit mir führe. Eine komplizierte Welt, wenn man es ansieht, ein Wollknäuel von Kaschmirwolle. Und dann kommt so ein superschlauer Wissenschaftler und sagt, ich habe da etwas gefunden, das ist ja ein Faden, die Welt ist nichts anderes, als ein aufgewickelter Faden. Das ist das Weltmodell der Wissenschaftler. Ist es das? Und man fragt, warum fällt es nicht auseinander, wenn man es hochwirft, wenn es doch nur ein aufgewickelter Faden ist? Weiß ich nicht, ich schon, wenn man den Faden abzieht, sieht man die kleinen Fusseln hier. Wenn man ihn abzieht, zerreißt man sie. Nachdem man ihn abgezogen hat, ist die Welt nicht mehr so, wie sie war. Man hat nur noch ein Modell der Welt, wo all diese Fusseln ignoriert werden, ein Modell der Welt, in dem die Liebe zerrissen ist. Wenn ich aus der Welt die Liebe rausnehme, ist die Welt nur ein aufgewickelte Faden, aber warum sie zusammenhält, das ist nur wegen der Fusseln, und auch der Faden ist nur ein zusammengewickelter Fussel.
Hans-Peter Dürr

Prof. Dr. Dr.h.c. Hans-Peter Dürr,
geb. 1929 in Stuttgart. Physikdiplom 1953 TH Stuttgart, Promotion 1956 bei Edward Teller, University of California, Berkeley; Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Physik seit 1958 in Göttingen und München; Mitarbeiter Werner Heisenbergs 1958-1976, Wissenschaftliches Mitglied der Max-Planck-Gesellschaft 1963, geschäftsführender bzw. stellv. geschäftsführender Direktor des Instituts 1971-1995, Emeritierung 1997. Habilitation LM Universität München 1962, apl. Professor 1969. Gastprofessuren: University of California, Berkeley 1962, 1968 und Matscience Madras 1963. Arbeitsgebiete: Kernphysik, Elementarteilchenphysik, Gravitation, Erkenntnistheorie und philosophische Fragen, Energie, Sicherheits- und Friedenspolitik, Ökologie. Zahlreiche Buchveröffentlichungen. Träger des alternativen Nobelpreises und des Bundesverdienstkreuzes.

Begleitende Literatur
Dürr, Hans-Peter; Dahm, Daniel; Prinz zur Lippe, Rudolf: Potsdamer Manifest 2005 & Potsdamer Denkschrift 2005; oekom Verlag München 2005
Dürr, Hans-Peter: Auch die Wissenschaft spricht nur in Gleichnissen; Herder Freiburg 2004
Dürr, Hans-Peter; Oesterreicher Marianne: Wir erleben mehr als wir begreifen; Herder Freiburg 2001


siehe auch: http://www.youtube.com/watch?v=JxoSMOIW5J0

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