26. Oktober 2004, Neues Museum in Schloss Salem
Gottes grausamer Spaß?
Heinrich Heines Leben mit der Katastrophe
Lesung und Gespräch
Prof. Dr. theol. Dr. h.c. Karl-Josef Kuschel
Dass Heine die "Rückkehr zum Gott unserer Väter" in den letzten acht Jahren seines Sterbe-Lebens bewusst vollzieht, reflektiert und verteidigt, scheint mir wichtig für eine Zeit wie die unsrige, in der nicht wenige Intellektuelle lebensgeschichtlich vor ähnlichen Weichenstellungen stehen. Jahrzehntelang hat man sich Religion ironisch auf Distanz gehalten. Jahrzehntelang hat man die Gottesfrage ideologiekritisch als "erledigt" abgetan. Zäsurerfahrungen im persönlichen oder politischen Leben erzwingen auch heute nicht selten neue Entscheidungen. Sie führen möglicherweise zur Neubewertung des "Faktors" Religion und zu einer Neupositionierung im Kontext von Gesellschaften, die man mit Jürgen Habermas' Friedenspreis-Rede 2001 "postsäkulare" nennen kann. Wie aber neu von Gott reden, ohne die berechtigten Einsichten der Religionskritik zu verwerfen? Ich fand, dass Heine einen Weg für sich gefunden hat, der beides zugleich möglich macht: Demut und Rebellion, Hinnahme des Unabänderlichen und Widerstand dagegen, Ergebung und Anklage. Heine vollzieht eine "Rückkehr" zu Gott im Akt des Protestes, eine "Umwandlung" in Form des Widerstandes, eine "Wiedererweckung" des religiösen Gefühls als Rebellion gegen Gott vor Gott.

Karl-Josef Kuschel,
geboren 1948, Dr. theol., ist Professor an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen und lehrt dort Theologie der Kultur und des interreligiösen Dialogs. Er ist einem großen Publikum durch seine zahlreichen Veröffentlichungen bekannt. 1997 verlieh ihm die Theologische Fakultät der Universität Lund (Schweden) die Ehrendoktorwürde.

Begleitende Literatur
Kuschel, Karl-Josef: Gottes grausamer Spaß? Heinrich Heines Leben mit der Katastrophe, Patmos-Verlag, 2002


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