4. November 2008, 19:30, Neues Museum Schloss Salem.
Theodizee - zur Vereinbarkeit von Gottes Güte mit dem Elend der Welt
Professor Dr. theol. Walter Dietz
Es werden Thesen und neuere Entwürfe zur Theodizeefrage im theologischen/philosophischen Kontext dargelegt.

Die Theodizee "Gottes Gerechtigkeit" ein klassisches theologisches Problem für diejenigen religiösen Traditionen, die von der Existenz eines allmächtigen, allgütigen und allwissenden Gottes ausgehen und eine Antwort auf die Frage nach der Vereinbarkeit mit dem unschuldigen, unverhältnismäßigen, ungerechten Leiden der Kreatur in Gottes Schöpfung mit einem solchen Gott suchen. Wie kann die Existenz eines solchen Gottes mit der Existenz des Übels in der Welt vereinbar sein?

Theodizee und Klage, zur Redlichkeit der Theodizee:
Eine Behandlung der Theodizee, die das Recht der Klage gegenüber Gott als sinnlos oder gar sinnwidrig ausschließt, wäre theologisch inakzeptabel.

Theodizee und Leidensthematik, Leiden der Kreatur:
Das Leiden (Augustin/Leibniz: malum physicum) beeinträchtigt die positive Beantwortung der Frage, ob die Schöpfung gut sei. Die These, dass die Schöpfung "im Ganzen" gut sei, beantwortet nicht die Frage nach dem Sinn des individuellen Leidens.

Theodizee und Allmachtsthematik. Leiden/Ohnmacht Gottes:
Bedeutet Gott mit dem Schmerz der Kreatur zusammenzudenken, Gott selbst als leidend zu denken, als einen "Gott im Leiden" (vgl. J. Moltmann)?

Theodizee und Güte der Welt:
Was bedeutet das Urteil Gottes, die von ihm erschaffene Welt sei "sehr gut" (Gen 1,31)?

Eschatologische Überwindung des Leids:
Das Leid hat eine trans-humane Dimension (Röm 8,19-22: die gesamte Kreatur; Leibniz 1710: die Kontingenz und Endlichkeit der Welt ist das Grund-Übel, "malum metaphysicum"), versteht sich beim Menschen jedoch primär als Folge von Schuld und Sünde.

Theodizee im Spannungsfeld von Schöpfungslehre und Eschatologie:
Die Theodizeeproblematik erfordert von ihrem neuzeitlichen Ursprung bei Leibniz eine Antwort, die das Verhältnis von gegenwärtiger Schöpfung (ihrer gegenwärtig erfahrbaren Qualität) und Gottesgedanke (Einheit von Wesen und Eigenschaften im Blick auf sein "ökonomisches" Handeln") reflektiert.

Die theologische Verortung und Bedeutung der Theodizeefrage:
Was macht die Theodizeefrage aus theologischer Sicht "renaissance"- (Sparn) oder "nostalgie"- würdig (Geyer)?

Setzt das Scheitern aller theoretischen Antwortversuche in Sachen Theodizee die Religion frei (vgl. H. Lübbe: Religion als Kontingenzbewältigung)? Sowohl die These einer prinzipiellen Beantwortbarkeit (Leibniz, Swinburne, Hick), als auch die einer prinzipiellen Unbeantwortbarkeit (Kant u.a.), als auch die einer theologischen Illegimität der Theodizeefrage (es gehe theologisch um die Rechtfertigung des Menschen vor Gott, nicht umgekehrt; Luther, K. Barth) bzw. einer geschichtshermeneutischen Illegimität (J.B. Metz, J. Moltmann; D. Sölle: Theodizee nach Auschwitz) müssen je auf ihre Weise einen Freiraum eröffnen für die positive Deutung des Vollzugs von Religion (der ja nicht im Raum des reinen Denkens stattfindet). Im Christentum ist an die Stelle des Kultus (z.B. Opfer) die Anbetung Gottes "im Geist und in der Wahrheit" getreten (Joh 4,23f). Zu den Grundformen des Gebets gehört die Klage (vgl. Pss, Hiob). Im Klagegebet ist die Theodizeefrage nur dann gut "aufgehoben", wenn ihre Antwort nicht das Leiden an Gott als Makel aller endlichen Kreatur ins Unrecht setzt. Gott gibt Hiob am Ende recht - gegen seine Freunde. Doch über seinem Leid vergißt Hiob die Macht des Schöpfers und kreist um sich selbst. Die Stärke der Freunde Hiobs lag in ihrem langen, solidarischen Schweigen (Hi 2,13), nicht im Reden. Die Leiderfahrung liegt tiefer als alle Versuche ihrer Bewältigung, die ihr gegenüber immer schon zu spät kommen. Die These, dass die Welt im Ganzen gut sei (Leibniz 1710, Kant 1756), läßt die Frage nach dem Geschick des Einzelnen erst recht akut werden. Jede globale Antwort ist hier im Begriff, das konkrete Leid des Einzelnen zu verraten (vgl. Kierkegaard, Die Wiederholung, 1843). Daher ist die Möglichkeit einer universalgeschichtlichen Theodizee eher für Gott als für den Einzelnen von elementarem Interesse. Die "letzte Entlastung" (F. Hermanni) für Gott im idealistischen Sinn zu konzipieren (Hegel, Schelling) erfüllt eine legitime theologische Denknotwendigkeit. Wer sie nicht erfüllen kann oder will (d.h. die Unbeantwortbarkeit der Theodizeefrage behauptet), muss dieses mit guten Gründen tun. Man kann die Theodizeefrage nicht "zum Spaß" oder "aus Denkfaulheit" heraus offen lassen, da sie kein philosophisch-theologisches Kabinettstück aus der barocken Dunkelkammer der mittlerweile klassisch gewordenen Neuzeit ist, sondern elementar mit der Aufgabe verbunden, Gottes Allmacht und seine Güte als Urheber der Welt ineins zu denken. Bei der Theodizee geht es um "die Anstrengung des Begriffs" (Hegel), der seine Wahrheit nur dann erweisen kann, wenn er sich kongenial mit unserer Selbst- und Welterfahrung vereint. Der Hinweis auf das unergründliche Leid markiert nicht einen Gegenbeweis gegen Gott (G. Büchner, F. Nietzsche), aber doch die Grenze einer begrifflichen Vermittlung, die jene Kongenialität erfüllen würde. So haben wir denn nun hoffentlich nicht nur die Wahl, unser Leid zu "entübeln", d.h. es mit philosophisch-theologischen Argumenten zu taufen, oder in der allzumenschlichen Fixierung des Leids (der Pfahl im Fleisch ist meiner, in ihm bin ich) an Gott zu verzweifeln, sofern er zugleich allmächtig und allgütig sein soll. Oder wir räumen das Leid aus der Wirkmacht Gottes heraus in eine "gottfreie" Zone, aus dem er sich zurückgezogen habe (vgl. H. Jonas) oder in den hinein er (als bloß "zulassender") nicht wirkt. Aber als "alles bestimmende Wirklichkeit" kann Gott nicht im Ernst als etwas jenseits oder außerhalb seines Wirkbereichs "zulassend" gedacht werden. Gott ist Urheber nicht allein von Licht und Heil, sondern auch von Finsternis und Unheil (Jes 45,7 cf. Am 3,6b). Hegel hat also recht, wenn er behauptet, Zulassung (permissio mali / admission of evil) sei ein für Gott prinzipiell unangemessener Begriff (Hegel, Rechtsphilos., 1821, § 139f). Theologisch stimmiger ist es, das landläufig-kindische, sanftgebürstete und smarte Bild eines durchweg "lieben Gottes" fahren zu lassen (vgl. Luther, De servo arbitrio, 1525, Schlußteil), statt an der Allmacht Gottes und damit an Gott selbst zu verzweifeln. Wer aufgrund des Leidens der Kreatur Gottes Allmacht fahren läßt, um ihn in seiner Liebe rein zu bewahren, bleibt zwar dem narzißtischen Gottideal treu, gibt aber am Ende unfreiwillig nur denen Recht, die in der Theodizee den "Fels des Atheismus" (G. Büchner) gesehen haben. Dieser Fels war keine optische Täuschung, sofern er die Frage nach dem Gottesbild neu (und nach Auschwitz: verschärft) stellen läßt und in der Offenheit seiner Beantwortung hier fortlaufend wirksam bleibt.
W. Dietz


Propfessor Dr. theol. Walter Dietz
1955 geboren in Ansbach / Mittelfranken
1975-81 Theologie- und Philosophiestudium u.a. in München, Tübingen und Jerusalem
1982-87 Kirchlicher Dienst (Vikar / Pfarrer d. Bayer. Landeskirche; München / Lkrs. München)
1987-94 Wiss. Ass. bei Wolfhart Pannenberg (Institut für Fundamentaltheologie und Ökumene, Univ. München)
1991 Diss. theol.: Sören Kierkegaard. Existenz und Freiheit
1993 Habil. theol.: Wahrheit - Gewißheit - Zweifel. Theologie und Skepsis im Widerstreit
1995 Ernennung z. Privatdozenten (PD; Lehrschwerpunkt: Theologiegeschichte des 19./20. Jhs.)
1995-97 Lehrstuhlvertretungen in Augsburg, Mainz und Frankfurt/M.
1997 Berufung an die Univ. Mainz, FB Evang. Theol., Seminar für Syst. Theologie und Sozialethik

Forschungsschwerpunkte:
- Verhältnisbestimmung von Theologie und Philosophie
- Geschichte des Theodizeeproblems
- Ekklesiologische und ökumenische Grundfragen
- Die Bedeutung des Konzepts von Gottebenbildlichkeit und Menschenwürde im ethischen Diskurs

Begleitende Literatur:
1. Hans-Gerd Janßen: Gott - Freiheit - Leid. Das Theodizeeproblem in der Philosophie der Neuzeit, Wiss. Buchges., Darmstadt 1989
2. Friedrich Hermanni, Das Böse und die Theodizee, Chr. Kaiser / GVH, Güthersloh 2002
3. Werner Thiede, Der gekreuzigte Sinn, Chr. Kaiser / GVH, Gütersloh 2007
4. Walter Dietz, Gottes Allmacht und das Leiden der Kreatur. Zur neueren Diskussion über die Theodizeefrage, in: Zeitschrift für Medizin. Ethik (ZME) 41 (1995), S.93-103 [Habilitationsvortrag]

Zur Ersteinführung empfiehlt sich das Buch von Janßen, insbes. S.1-40, oder ein Lexikonartikel, z.B. von Markus Buntfuß, Artikel "Theodizee" in: Horn/Nüssel (Hg.): Taschenlexikon Religion und Theologie, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2008, Bd.3, S.1175-1179.

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