Montag, 27. Juni 2016, 19:30, Bibliothek Schloss Salem
Die Gewaltfrage im Islam

Dr. Abdel-Hakim Ourghi
Muslime sehen den Koran als das Wort Gottes an, als Maß aller Dinge, an dessen Vorschriften sie sich orientieren. Daher nimmt der Koran in ihrem Alltag den wichtigsten Platz ein. Wer auch nur ein wenig an seinem Wortlaut rüttelt, einen Teil von ihm ablehnt oder ihn gar als Menschenwerk betrachtet, gilt manchen als Häretiker. Das Leben des Propheten und dessen religiöses und politisches Handeln kritisch zu hinterfragen, scheint ebenso tabu zu sein. Mohammed (570-632) war jedoch nicht nur der anerkannte Verkünder einer göttlichen Botschaft, sondern auch der weltliche Führer, der meisterlich die Macht des Wortes mit der Gewalt des Schwertes vereinte. Indem er sich auf autoritative Koranstellen bezog, griff Mohammed von 624 an in Medina gegen seine Widersacher zur Gewalt, etwa gegen arabische Heiden, Christen und Juden. Die zwischen 622 und 632 in Medina verkündeten Koranpassagen müssen in ihrem historischen Kontext verstanden werden. Sie haben als historisch-politische Äußerungen nur eine temporäre Gültigkeit für das siebte Jahrhundert. Die Muslime müssen endlich die kanonischen Quellen ihres Glaubens (den Koran und die Tradition des Propheten) kritisch infrage stellen. Meiner Meinung nach ist nur der in Mekka offenbarte Koran (610-622) zeitlos, weil er universell sinnstiftende Lehren im ethischen Sinne beinhaltet (Passagen aus einem Kommentar von Ourghi in der Süddeutschen Zeitung vom 4. Dezember 2015).

Kurzvita:

Abdel-Hakim Ourghi (geb. 1968) ist Leiter des Fachbereichs Islamische Theologie und Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Freiburg. 1991 Lizenziat in Philosophie an der Senia-Universität Oran, Algerien. 2006 Promotion in Islamwissenschaft, Universität Freiburg. Er gilt als Vertreter des humanistischen und modernen Islams im westlichen Kontext.


Vortrag(.mp4)

begleitende Literatur: "Aufklärung" des Islams?! Abdel-Hakim Ourghi


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