5. November 2007, 19:30, Neues Museum Schloss Salem
Wie frei ist der Mensch? - Zum Dialog zwischen Hirnforschung und theologischer Ethik
Professor Dr. theol. Eberhard Schockenhoff
Der Vortrag setzt sich mit den Thesen einiger Neurowissenschaftler und Gehirnforscher auseinander, die den freien Willen als eine Illusion bezeichnen, die uns das Gehirn vorspiegelt. Während wir uns einbilden, unsere Handlungen durch einen Willensentschluss ins Werk zu setzen, seien diese kausal durch neuronale Ereignisse im Gehirn determiniert, die wir uns selbst als handlungsauslösenden Impuls nur sekundär zuschreiben. Der Vortrag setzt sich kritisch mit der Deutung der so genannten Libet-Experimente auseinander, die als empirische Basis für die These vom illusionären Charakter der Willensfreiheit in Anspruch genommen werden. Im nächsten Schritt werden die weltanschaulichen Prämissen eines reduktiven Naturalismus herausgearbeitet, die den Hintergrund der genannten neurowissenschaftlichen Theorien bilden. Schließlich wird positiv aufgezeigt, worin die Freiheit des Menschen besteht: in der Fähigkeit, die unterschiedlichen Bedingtheiten des eigenen Handelns, die von den Humanwissenschaften erforscht werden, zu erkennen, zu durchschauen und Distanz zu Ihnen einzunehmen. Die Freiheit erfordert so nicht die Leugnung prägender Einflüsse, sondern die Fähigkeit, sie in einem Wechselspiel auszubalancieren und in ein bewusstes Selbstkonzept der Person zu integrieren.

Prof. Dr. Eberhard Schockenhoff
Geboren am 29. März 1953 in Stuttgart, 1972 - 1979 Studium der Theologie in Tübingen und Rom, 1978 Priesterweihe in Rom, 1979 Lizenziat in Moraltheologie, 1979 - 1982 praktische Seelsorgertätigkeit als Vikar in Ellwangen und Stuttgart; anschließend Repetent im Wilhelmsstift in Tübingen, 1986 Promotion zum Dr. theol., 1986 - 1989 Assistent an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen, 1989 Habilitation, 1990 - 1994 Professor für Moraltheologie an der Universität in Regensburg, seit 1994 Professor für Moraltheologie an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg i.Br. seit 1992 Geistlicher Assistent der Katholischen Ärztearbeit Deutschlands, seit 1995 Mitglied der ökumenischen Dialogkommission "Church and Justification" zwischen dem Lutherischen Weltbund und der Römisch-Katholischen Kirche, seit 2001 Geschäftsführender Herausgeber der Zeitschrift für medizinische Ethik, seit 2001 Mitglied im Nationalen Ethikrat.

Forschungsschwerpunkte: Grundfragen der Ethik, Medizinische Ethik, Bioethik

Begleitende Literatur
Eberhard Schockenhoff: Beruht die Willensfreiheit auf einer Illusion? Hirnforschung und Ethik im Dialog, Basel 2003
Eberhard Schockenhoff: Wie frei ist der Mensch? Zum Dialog zwischen Hirnforschung und Ethik, in: G. Gestrich/Th. Wabel (Hg.), Freier oder unfreier Wille? Handlungsfähigkeit und Schuldfähigkeit im Dialog der Wissenschaften, Berlin 2005, 53-71.

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