15. März 2010, 19:30, Neues Museum Schloss Salem
Religiös auch ohne Gott? Über die Zukunft des Gottesglaubens in der postsäkularen Welt
Professor Dr. Heinrich Watzka SJ
Obgleich die Säkularisierungsthese in ihrer kruden Form, wonach Religion und Gottesglaube in modernen aufgeklärten Gesellschaften verschwinden werden, als widerlegt gelten kann, profitiert das Christentum in Westeuropa keineswegs von der heute vieldiskutierten Rückkehr der Religionen in den säkularen Raum. Der Gläubigenschwund in unseren Kirchen ist mehr als nur eine Krise institutionell verfasster Religiosität, die auf das Konto der Bindungsscheu vieler Zeitgenossen geht. In die Krise geraten ist auch eine bestimmte Gottesidee. An den Gott des amtlichen Glaubensbekenntnisses, der in einem freien Akt das Universum und auch ´mich´ schuf, der in der Geschichte handelt, ´Gericht´ hält, ´Himmel´ und ´Hölle´ spielt, können heute immer weniger in und außerhalb der Kirche glauben. Wie fremd der Glaube an einen allmächtigen, allgütigen (personalen) Gott in unserer Welt geworden ist, lässt sich an folgenden Beobachtungen illustrieren:
1. An die Stelle der Kontingenzbewältigung, die einmal Aufgabe der Religion war, ist Kontingenzbeseitigung getreten. Der wissenschaftlich Gebildete glaubt nicht an das Fatum, aber an den Determinismus der Naturgesetze. "Der Glaube an den Kausalnexus ist der Aberglaube unserer Zeit" (Wittgenstein). Der Gedanke, die Welt könnte anders sein, als sie ist, sogar die Naturgesetze seien kontingent, konnte nur vor dem Hintergrund des Gedankens der Entstehung der Welt aus einem ´freien Entschluss´ aufkommen.
2. Die Ethik unseres Zeitalters ist der Konsequenzialismus, wonach die sittliche Qualität einer Handlung sich allein an ihren intendierten und nicht-intendierten Folgen bemisst. Der Verantwortungsvolle ist "Verantwortungsethiker", nicht "Gesinnungsethiker", d.h. er ist bereit, ein Verbrechen zu begehen, wenn es der Verhinderung eines größeren Verbrechens dient. Anders der Gläubige, der auch Verantwortung für sein eigenes Leben trägt, weil es für ihn eine Instanz gibt, vor der er sich zu verantworten hat. Wenn Gott ist, heiligt der Zweck nicht jedes Mittel.
3. Unser Selbstbild wird durch die Lebenswissenschaften und die Neurobiologie einer tiefgreifenden Revision unterzogen. Ich, Selbstbewusstsein, Freiheit könnten vom Gehirn erzeugte Illusionen sein. Der Schritt zur "Selbstnaturalisierung", die einer Selbstaufgabe gleichkommt, ist für alle zwingend, deren Metaphysik die Physik ist. Wenn Gott existiert, können wir sein, wofür zu halten wir nicht umhin können, "Personen" (Spaemann). Wer heute dafür argumentiert, dass (uns) Naturgesetze nicht determinieren, dass (unsere) Moral einen nichtverhandelbaren "deontologischen" Kern hat, dass (wir als) Personen existieren, argumentiert (implizit) dafür, dass der absolute Grund (Gott) personal zu denken ist.


Professor Dr. Heinrich Watzka SJ.
Geboren am 5. Oktober 1954 in Elz (Landkreis Limburg), 1975 - 1980 Studium der Theologie in Mainz und Frankfurt am Main, 1980 Eintritt in den Jesuitenorden, 1985 Priesterweihe, Studium der Germanistik und der Philosophie in Frankfurt, München, Hamburg und Berlin, 1998 Promotion zum Dr. phil an der Humboldt-Universität in Berlin, 1998 Lehrbeauftragter und 2003 Dozent für Philosophie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt, 2007 Habilitation im Fach "Christliche Philosophie" an der Universität Innsbruck, seit 2007 Professor für Philosophie in Sankt Georgen

Forschungsschwerpunkt:
Sprachphilosophie, Philosophie des Geistes, Semantik intentionaler Zustände, Ontologie der Begriffe

Begleitende Literatur:
Robert Spaemann: Das unsterbliche Gerücht. Die Frage nach Gott und der Aberglaube der Moderne, 4. Aufl. Stuttgart: Klett-Cotta 2007
Hans Joas: Braucht der Mensch Religion? Über Erfahrungen der Selbsttranszendenz, Freiburg: Herder 2004
Detlef Pollack: Säkularisierung - ein moderner Mythos? Studien zum religiösen Wandel in Deutschland, Tübingen: Mohr Siebeck 2003
Heinrich Watzka: "Glaubt der, der an Gott glaubt, dass Gott existiert?", in: Rainer Berndt (Hg.): Vernünftig?, Würzburg: Echter 2003 (Religion in der Moderne Bd. 12), 305-319
Heinrich Watzka: "Glaubensverantwortung und Metaphysik", in: Theologie und Philosophie 79 (2004) Heft 1, 1 - 30

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